Eine lichtstarke Canon oder Nikon Festbrennweite? Blende 1.8 für Normalbrennweiten? Lange habe ich darüber nachgedacht, wie ich den Titel dieses Artikels insbesondere für die Teilnehmer des Digitalfotografie Einsteigerkurses nennen sollte?
Man kann es vermuten, hier geht es um die Normalbrennweite 50 mm und zwar in einer Ausführung, die es uns ermöglicht das zu portraitierende Objekt möglichst leicht vom Hintergrund freizustellen – sprich, der Hintergrund soll bitte unscharf und das, was wir anfokussiert haben, möglichst scharf abgebildet werden.
Normal gehe ich so in meinem Kurs vor, dass wir uns schrittweise dem fertigen Portrait mit den Materialien annähern, die wir zur Hand haben. Dann nehme ich eine Styropor-Platte als Reflektor hinzu und schon erleben einige der Teilnehmer einen AHA-Effekt, wenn sie sehen, was ein einfacher Reflektor schon für eine Auswirkung auf die Bildwirkung hat. Jedoch wenn ich dann die Festbrennweiten für Canon und Nikon in der 50mm Version verteile bleibt bei vielen der Mund offen stehen. Hier gelingt es fast immer, ein gut aussehendes Foto zu schießen. Wieso? Das ist leicht zu beantworten.
Ein Zoom-Objektiv, welches üblicherweise mit der Kamera ausgeliefert wird, ist ein Universalobjektiv, welches einen relativ weiten Brennweitenbereich von sagen wir mal 18-135mm abbilden soll. Deshalb befindet sich auf dem Objektiv üblicherweise die Angabe 18-135mm und Blende F 1:3.5-5.6. Dieses bedeutet zum einen, dass die Brennweite alles von 18mm (einen relativen Weitwinkelbereich) bis 135mm (einen Telefokus-Bereich) abdeckt. Um dieses vernünftig darstellen zu können erlaubt es das Objektiv die Blende bis zu F 1:3.5 bei 18mm und F1:5.6 bei 135mm zu öffnen. Die Öffnung bleibt zwar immer gleich groß, jedoch ist diese eine Verhältniszahl und variiert somit bei unterschiedlicher Brennweiten.
Siehe auch Abschnitt Blende auf dem Fotografie Daniel Osterkamp Cheat-Sheet.
Die Blende ermöglicht es dem Fotografen also zu steuern, wie stark der Hintergrund (also das, was nicht anfokusiert wurde) unscharf wird. Je größer ich die Objektivöffnung zum Zeitpunkt der Belichtung mache (sprich je kleiner die Blendenzahl << F1:2.8 und kleiner), desto kleiner wird der Bereich, den ich scharf abbilde. Hingegen bei Landschaftsaufnahmen, bei denen alles von Vorne bis Hinten scharf sein soll, verwende ich Blenden von 8, 11 oder 16. Wenn wir nun ein Objektiv haben, welches eine Blende von 5.6 als Maximalöffnung hat, dann können wir uns vorstellen, dass wir zwar Unschärfe erreichen können, jedoch ist noch etwas Luft vorhanden.
Vergleichen wir die Daten einmal mit einer Festbrennweite, so stellen wir fest, dass wir zwar nur eine Brennweite haben z.B. 50mm, aber dafür Blendenangaben von F 1:1.8, 1:1.4 oder gar 1:1.2. Das bedeuet durch den Verzicht auf einen Zoom bekommen wir eine Linse, die auf eine Brennweite berechnet ist und somit Bauart bedingt eine größere Öffnung ermöglicht, da keine „Kompromisse“ bezüglich verschiedener Brennweitenbereiche eingegangen werden müssen.

Beispiel einer 50mm Festbrennweite von Canon mit Blenderöffnung 1.8
Mit dieser Linse ist es spielend leicht möglich, den Hintergrund – oder wie in diesem Beispiel schon die Ohren (es wurde aufs Auge scharf gestellt) – in den Unschärfebereich zu legen.
Wieso legt man bestimmte Bildbereiche in die Schärfe-Ebene und lässt andere Bildbestandteile in den Unschärfebereich fallen?
Die Antwort ist ebenso simpel, wie einleuchtend. Die Evolution gibt es uns so vor. Menschen sind es gewohnt von dunklen Bereichen hin zum Hellen zu schauen, von kontrastarmen zu kontrastreichen und auch von unscharfen zu scharfen. Das passiert ganz automatisch und hat mit dem natürlichen menschlichen Sehen zu tun. Ich möchte an dieser Stelle eigentlich weniger weiter darauf eingehen, da dieses jeder mal für sich ausprobieren kann wenn er ein paar Fotos ansieht, wo der Fokus z.B. nicht genau gesetzt ist und auf dem Ohr statt auf dem Auge liegt. Ihr wollt zwar immer auf die Augen schauen, werdet aber immer wieder zum Ohr gelenkt.
Das zeigt gleichzeitig auch die Schwierigkeit mit den Objektiven mit großer Blenderöffnung auf. Man muss sorgfältig arbeiten. Bei einer Blenderöffnung von F 1:1.2 bleiben einem nichtmal ein paar cm übrig, die scharf abgebildet werden, wenn man ein wenig näher am Model steht. Hier empfiehlt es sich dann, die Blende minimal zu schließen bzw. sehr sorgfältig zu arbeiten und dem Model anzuweisen, dass es ruhig stehen soll und die Entfernung zur Kamera halten soll. Ansonsten kann es vorkommen, dass die Nasenspitze plötzlich im Fokus steht und nicht mehr die Augen, wenn das Model etwas vor und zurück schwankt.
Welche Festbrennweite soll ich mir kaufen?
Hier ist immer die Frage nach dem Budget und dem Qualitätsunterschied der Linsen. Erst einmal die gute Nachricht. Es gibt für jede Budgetklasse eine Linse. Von um die 100 Euro bis zu über 1000 Euro ist alles am Markt erhältlich.
Budget-Klasse (um die 100 Euro)
Ich persönlich habe zum Vorführen ein Model von Canon in den Kursen dabei, um zu zeigen, dass es kein teures Equipment benötigt, um gute Bilder zu machen. Das Model fühlt sich sicherlich nicht sehr wertvoll an, da es komplett aus Plastik gefertigt ist. Der Motor, der den Zoom bewegt ist laut und deutlich hörbar. Sicherlich ist die Geschwindigkeit des Autofokus auch nicht überwältigend, aber erfüllt seinen Zweck. Schaut man die Bilder im Detail an und betrachtet das Bokeh (Art der Hintergrundunschärfe), so sieht man, dass das Objektiv 5 Blendenlamellen hat, die dazu führen, dass Lichtpunkte im Hintergrund 5 Ecken haben und keine runden Kreise ergeben. Aber für 100 Euro – dafür darf man sich dann nicht beschweren bzw. nicht fallen lassen, denn dann ist bestimmt ein Sprung im Plastik… You get what you pay for…
Mittelklasse (um die 300-400 Euro)
Hier bekommen wir schon mehr Objektiv fürs Geld. Die Verarbeitung ist hochwertiger, man denkt, dass man das erste mal ein ernsthaftes Objektiv in der Hand hat, das Gewicht ist auch höher und die Verarbeitung wirkt stabiler. Auch hier wurde der Autofokus verbessert und dieser ist nun geräuschlos (USM Autofokus). Die Bildqualität nimmt hier natürlich auch zu und wir sehen im Bokeh nun fast kreisrunde Lichter.
Oberklasse (über 1000 Euro)
Es gibt bei den Luxus Objektiven eine Vielzahl von Anbietern, die hervorragend korrigierte und massive Metallobjektive anbieten. Ob man den Preisunterschied von 1000 Euro von der Mittelklasse auf die Oberklasse als Amateur sieht und es einem der Aufpreis Wert ist, wage ich zu bezweifeln. Was auf jenden Fall zu sagen ist: Der Autofokus arbeitet ein bisschen schneller, trifft vielleicht ein paar mehr Bilder und der Kontrast der Bilder und das Bokeh sind nun annähernd makellos und kreisrund.
Wer noch etwas stöbern will und die Rezensionen bei Amazon lesen möchte, der kann es gerne zu den folgenden Objektiven machen. Ich habe einmal für Canon und Nikon die 50mm Versionen heraus gesucht und zusammen gestellt.
Also das stimmt ja alles soweit, aber eine Festbrenweite ist andererseits wirklich, wirklich unflexibel. Man ist nur am herumrennen. Ich hab mir ein 28-75mm F/2.8 und ein 70-200 F/2.8 geholt und kann damit wunderbar freistellen und zum anderen bin ich flexibel. Das 50 F/1.4 nutze ich kaum noch.
Nicht immer ist es sinnvoll oder möglich, so dicht wie von einem 50er Objektiv vorgeschrieben (!) an das Model / Fotobjekt heran zu gehen. Und wie schon beschrieben, kann man zum Beispiel mit Blende 1.4 herrlich freistellen, aber das ist gerade im Portrait-bereich oft schon zuviel des Guten. Wenn man seitlich fotogafiert und nur noch ein Auge scharf wird, wirkt das manchmal (natürlich nicht immer) recht seltsam. Davon abgesehen sind die Bilder bei Offblende häufig leicht verwaschen und neigen schnell zum „Ausbrennen“.
Besser ist in der Regel Blende F/4. Dann ist das Bild auch schärfer (auch wenn sich das Model lgeringfügig bewegt) und immer noch genug frei gestellt. Ist natürlich nur meine Meinung. Ich hab auch eine ganze Weile ausschließlich auf Festbrennweite geschworen.
Hallo Matthias,
Du hast natürlich recht und für jede Situation in der Fotografie gibt es eine Kamera-Objektivkombination, die perfekt ist. Für den Einsteiger, für den Zoom-Objektive mit einer Blende von 2.8 durchgehend relativ teuer sind, wäre das ein großes Investment.
Wenn Du bei einer Crop-Kamera mit einer 50mm Festbrennweite Fotografierst, dann entspricht das schon fast 85mm Brennweite am Kleinbildäquivalent. Dabei stehe ich eigentlich recht selten so nah am Model, dass dieses Angst bekommt. Das kann ich aus Studio-Erfahrung und Outdoor nicht nachvollziehen, denn da mache ich mit meinem 85mm an der Festbrennweite recht viel und das funktioniert. Ansonsten kann man auch ein 100mm Makro 2.8 oder das 135mm F 2.0 nehmen, welches spitzenmäßig ist. Ich bin selbst noch nicht dazu gekommen, andere Linsen zu beschreiben, weil mir im Moment die Zeit fehlt, aber für bestimmte andere Situationen gibt es andere Objektive. Hier geht es erstmal um die Festbrennweite 50mm und was man damit gegenüber eines Zooms mit Blende 5.6 machen kann (die Blende 3.5 im WW-Bereich lasse ich mal absichtlich weg, weil damit keiner ernsthafte Portraits machen wird).
Du hast auch recht, dass Blende 1.2 oder 1.8 einen Schärfebereich generiert, der nur noch ein paar cm beträgt. Wenn man damit umgehen kann und einen Schritt zurück geht und sauber arbeitet (fokusiert), dann ergeben sich dadurch sehr ansprechende Bilder, die man in der Form mit einem Zoom mit Blende 2.8 nicht machen kann. Ein Zoom ist und bleibt immer ein Kompromiss und sich bei der Fotografie ab und zu zu bewegen, um einen anderen Standpunkt einzunehmen hilft mir persönlich auch aus bestimmten Mustern aus zu brechen und neue Perspektiven zu entdecken und auszuprobieren.
Aber jeder arbeitet leicht anders und dafür ist ja auch eine Diskussion da. Definitiv eignet sich das 50mm F 1.8 auf Grund des Preises für einen Test aus, ohne dabei die 100 Euro Marke (oder beim Blende 2.8er Zoom die 1000 Euro Marke) zu sprengen.
Gruß,
Daniel
Danke für Deine ausführliche Antwort.
Ich sage ja gar nichts grundsätzlich gegen Festbrennweite – ich hab natürlich auch welche. Ich sag noch viel weniger gegen die Einstiegsklasse 50/1.8 – ich finde diese vom Preis / Leistungsverhältnis unschlagbar, so ein Teil sollte JEDER Einsteiger und Hobbyfotograf haben! Das Argument der Kosten zieht natürlich ausschließlich bei diesen „Billig-Scherben“. Schau Dir die Preise füe ein F/1.4 oder gar F/1.2er Glas an.
Die besseren Objektive – die Du ja selbst nennst – kommen doch schnell in einen finanziellen Bereich, den auch meine F/2.8er Zooms haben. Und wenn man sich dafür eine Festbrennweite leistet, muss man schon ganz genau wissen, was man damit machen will, denn man verlässt sehr schnell den Pfad, zwischen Einsteiger und ambitioniertem Amateur. Wer sich nicht nur auf Portrait-Fotografie spezialisieren will, fährt mit einem lichtstarken Zoom und dem günstigen 50 F/1.8 auf Dauer im Alltag glaube ich besser. Man ist einfach flexibler.
Natürlich kann man mit Blende F/1.2 toll freistellen. Unbestritten. Aber das ist schon sehr speziell und teuer. Da kannst Du auch gleich noch eine Vollformat anpreisen.
Ich rede hier mit dem Gedanken an Nicht-Profis und Hobbyfotografen. An Berufsfotografen wird Dein Artikel ja auch nicht gerichtet sein.
Hey Daniel!
Ich danke Dir für diese aufschlussreiche Seite.
Was empfiehlst Du für ein Lifestyle-shooting?
Zur Zeit habe ich eine Nikon D3100 und das AF-S Nikkor 18-55mm 1:3,5-5,6 G. Mit dem kam ich bisher prima zurecht. Bisher war ich immer jemand, der Tier-portraits geschossen hat, doch irgend etwas fehlte mir einfach bei den Bilder (werde mir jetzt für die Portraits ein 50mm zulegen).
Deine Meinung würde mich sehr interessieren und über eine kurze Antwort würde ich mich sehr freuen.
Hi,
für Portraits an einer Crop-Kamera ist ein Lichtstarkes 50mm Objektiv (gibt es ja auch von Nikon) sicherlich gut, um das Objekt vom Hintergrund zu lösen.
Jedoch was ein Lifestyle Shooting wird es etwas zu „telelastig“ sein, wenn Du viel Umgebung mit dabei haben möchtest. Da würde ich Dir dann theoretisch zum 35mm raten, was einer Normalbrennweite am Kleinbildäquivalent entspricht. Aber letztenendes kommt es darauf an, wofür Du die Linse einsetzen willst.
Ich hoffe, ich habe Dir helfen können.
Daniel